Der vierte Gongschlag

Der vierte Gongschlag

Es war einmal ein muslimischer Kaiser, der stets bereitwillig den Beschwerden seiner Untergebenen zuhörte. Zuweilen reichten sie die Beschwerden auf die richtige Weise ein und dann tat der Kaiser das Notwendige. Zu anderen Zeiten hatte der Kaiser eine spezielle Art, die Beschwerden zu erhalten.
Vor dem Haupttor des Palastes hatte er einen großen Gong stehen. Jeder der eine Beschwerde hatte, konnte kommen und diesen Gong schlagen. Schlug die Person den Gong nur einmal, so bedeutete dies, dass sie eine Streit mit jemandem verloren hatte, die sie ihrem Gefühl nach hätte gewinnen sollen. Erklang der Gong zweimal, bedeutete dies, dass jemand stets sehr hart arbeitete, und das Gefühl hatte, nicht die entsprechende Vergütung zu bekommen. Erklang der Gong dreimal, bedeutete dies, dass jemands Haus ausgeraubt worden war und er sich auf der Suche nach dem Dieb befand. Erklang der Gong viermal, so bedeutete dies, dass jemand jemanden ermordet hatte.

Für gewöhnlich schauten die Soldaten des Kaisers, wie oft die Person, die Beschwerde einreichen wollte, den Gong schlug. Dann brachten sie die Person umgehend zum Kaiser, und berichteten diesem, um welche Art von Beschwerde es sich handelte.
Eines Tages schlug ein Mann den Gong viermal, was bedeutete, dass ein Mord stattgefunden hatte.

Die Soldaten fragten ihn: „Wer hat wen getötet?“

Der Mann sagte: „Jemand hat meinen Vater getötet.“

Die Soldaten fragten: „Wann wurde er getötet?“

„Vor vierzig Jahren“, antwortete der Mann.

Die Palastwächter konnten ihren Ohren nicht trauen. „Und erst jetzt willst du die Bestrafung?“, fragten sie.

„Ja“, sagte der Mann. „Ich habe gerade erst erfahren, dass mein Vater getötet wurde. Meine Mutter sagte es mir heute morgen.“

Die Wächter fragten: „Warum hat deine Mutter es dir nicht vorher gesagt?“

Der Mann antwortete: „Wenn sie es mir gesagt hätte, hätte ich einen der königlichen Minister ermordet. Dieser besagte Minister tötete meinen Vater vor vierzig Jahren, und er ist immer noch im Amt!“

„Sagst du, dass der Minister hingerichtet werden sollte?“, fragten sie.

„Genau“, sagte der Mann.

Die Palastwächter brachten den Mann zum Kaiser und erzählten dem Kaiser die ganz Geschichte. Der Kaiser wandte sich an seinen Untertanen und sagte: „Du musst wissen, wer den Minister bat, deinen Vater zu töten. Der Minister führte lediglich meinen Befehl aus. Sagst du, dass auch ich bestraft werden sollte?“

Der Mann sagte, „Ich kann nicht so weit gehen, dies zu verlangen. Aber ich habe meinen Vater für vierzig Jahre nicht gesehen. Dies ist in der Tat ein tragischer Verlust. In diesen vierzig Jahren hat der Minister so viel Gehalt erhalten. Könnte ich als Ausgleich für den Tod meines Vaters nur ein Monatsgehalt des Ministers bekommen?“

Der Kaiser sagte: „Ich bin bereit, dir den selben Betrag wie das Gehalt des Ministers von 40 Jahren auszuzahlen – welchen Betrag er verdient hat, von dem Tag an als er deinen Vater tötete. Geh und finde von deiner Mutter den exakten Todestag deines Vaters heraus, und dann komm zurück und nenne ihn mir.“

Die Mutter des Mannes hatte den Tag vergessen, das Jahr vergessen, alles vergessen. Aber der Minister hatte genaue Aufzeichnungen gemacht. Es war nur 35 Jahre her gewesen. Der Kaiser berief den Mann wieder in den Palast ein, um ihm das Geld zu geben und sagte ihm: „Hier in meiner Hand ist das Gehalt des Ministers, und hier auf dem Körper des Ministers ist sein Kopf. Was davon möchtest du? Ich kann dir entweder den Kopf des Ministers geben, oder das Gehalt, das er über die Jahre verdient hat.“

Schnell sagte der Mann: „Das Gehalt des Ministers, nicht seinen Kopf!“

 

Sri Chinmoy, Illumination-experiences on Indian soil, part 1, Agni Press, 1974